Die Reise pekingt

Rückblick Peking

Tag 5 (von fünf Tagen in Peking; 12.-16.4.)

Unser Abreisetag. Abends erwartete uns der Zug nach Irkutsk. Doch bis dahin galt es noch die Zeit mit Sehenswertem zu füllen. Und Peking ist voll davon. Den Beginn machte das befremdlich in sich verdrehte CCTV-Gebäude des staatlichen chinesischen Fernsehens, jetzt schon ein Wahrzeichen Pekings. Gegenüber stand das höchste Haus Pekings und drum herum weitere Gebäude, die sich ebenfalls nicht verstecken mussten oder aufgrund ihrer Größe nicht verstecken konnten. Mit einem Taxi sind wir im Anschluss in 798 gefahren, also ins Jijiouba, das Künstlerviertel Pekings. Das einst mit ostdeutscher Hilfe gebaute Fabrikviertel beherbergt jetzt Galerien und Ausstellungen. In den kleinen Gässchen stehen übergroße Skulpturen, in den Cafes hört man schwäbeln und sächseln, Galleriesten öffnen hoffnungsvoll ihre Türen – dieses InViertel ist sehr wenig chinesisch, aber nicht uninteressant. Am besten scheinen die Kunsthändler zu verdienen, jedenfalls ist die Edelmarkendichte unter den besuchenden Autos riesig.

Miit etwas Mühe haben wir ein Taxi bekommen, dem Fahrer das Display des Fotoapparates mit dem Bild des Vogelnests hingehalten und nach zustimmendem Grunzen eingestiegen. Es dämmerte als wir das Olympiagelände erreichten und nach und nach wurden die, das Vogelnest ausleuchtenden Scheinwerfer angeworfen. Was für ein schickes Stadion. Zu allem Protz stand gegenüber die membranige Olympiaschwimmhalle. Die Chinesen…, dachten wir nur.

Bei Tom in der Nähe schluckten wir säbelgleich einige Grillfleischspieße, um sie kurz darauf fleischlos aus unserem Rachen zu ziehen. Dieses kulinarische Kunststück wiederholten wir einige Male, bis uns die Zeit drängte. Die Rucksäcke aufgeschultert und mehrere Tüten Verpflegung in der Hand fuhren wir zum Bahnhof und stiegen in den bereitstehenden Zug. Das Viererabteil hatten wir für uns allein - Kerstins knapp dreitägiger Skatlehrgang konnte beginnen. 

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Außen hui, innen Feng Shui

Rückblick Peking

Tag 4 (von fünf Tagen in Peking; 12.-16.4.)

Auch am vierten Tag in Peking taten wir uns schwer mit dem Aufstehen. Dabei stand ein Ausflug zum Sommerpalast auf unserem Programm. Mit der U-Bahn fuhren wir bis nah an den Nordeingang heran und traten in den von Schulklassen belagerten riesigen Park. Ein Infoschild lobte unser Verständnis für notwendige Sanierungsarbeiten und so konnten wir gar nicht sauer sein, als wir einen Tempel wie von Christo verpackt vorfanden. Die Parkanlage war recht hügelig und von oben hätten wir bei guter Sicht eine gute Sicht über Peking gehabt. So konnten wir immerhin hinunter zum parkumschlossenen Kunming-See sehen, in dessen Mitte eine kleine Insel schwamm, die über eine malerische 17-bögige Brücke erreichbar war. Mein bonsaibesessener Vater hätte seine Freude an der harmonisch aufgebauten Gartenanlage gehabt. Gegen Mittag ließen wir uns erneut eine Nudelsuppe schmecken und spazierten gestärkt durch den frühlingserwachten, vom Eise befreiten Park – unser vorgezogener Osterspaziergang.

Im Anschluss an den Besuch des Sommerpalasts sind wir mit der U-Bahn zur Xidan-Station gefahren und fanden einen weiteren futuristischen Platz umrahmt von gigantischen Hochhäusern und riesigen Shopping Malls vor. Wir folgten der Wegbeschreibung Annas und gelangten in ein eigenartiges Kaufhaus, welches aus unzähligen einzelnen Geschäften bestand. Nach etwas Shopping trafen wir uns mit Tom und gingen mit Anna und zwei weiteren Expats in ein uigurisches Restaurant essen. Nix für Veganer, aber für alle anderen ein leckerer Fleischspieße und-keulenspaß. Da wir noch mehr von Peking sehen wollten sind wir alle zusammen in das Viertel Sanlitun gefahren. Hier ging es zu wie auf der Reeperbahn, nur ohne die Mädchen. Jede Menge Bars und Leute, die einen draufmachten. Chinesen waren in der Minderzahl, überall Europäer. Und auch die Barpreise waren europäisch. Dann doch lieber ein Bier in einem kleinen Restaurant abseits in einem Hutong.

Auf der Mauer auf der Lauer…

Rückblick Peking

Tag 3 (von fünf Tagen in Peking; 12.-16.4.)

Wir haben Glück mit dem Wetter. Von Toms Fenster aus sehen wir zum ersten Mal am Horizont Berge erscheinen, die sonst ständig vom Smog verschluckt wurden. Das ließ uns hoffen, wollten wir doch einen Tagesausflug zur großen chinesischen Mauer unternehmen (im chinesischen ‚lange Mauer‘). Überreste von diesem Bollwerk stehen um halb Peking herum, einige davon nur 70 bis 90 km entfernt.

Wir fuhren mit der U-Bahn zu einem Busbahnhof und irrten kurz umher auf der Suche nach dem richtigen Bus. Eine Frau huschte um uns rum, zeigte dauernd auf einen bestimmten Bus und meinte wir sollten diesen nehmen. Wir ließen uns überreden und fuhren gen Norden aus Peking raus. Die Richtung war nicht schlecht, aber auch nicht perfekt. Die Frau war vielleicht etwas konfuzius. Also ließen wir uns irgendwo absetzen und handelten mit einem sympathischen Taxifahrer ein Mauerabsetz- und zurückfahrpaket aus.

Ich versteh nur Bahnhof

Die Mauer bei Mutienyu ist weniger stark besucht als bei Badaling, aber mindestens genauso schön. Wir spazierten auf dem Wall entlang, schossen unzählige Fotos von der Mauer, die sich bis zum Horizont über die Bergkuppen schlängelte und nahmen als kleines Highlight die Sommerrodelbahn zurück zum Parkplatz.

Für abends hatten wir uns mit Anna, einer Freundin von Tom, zum Peking Hot Pot verabredet. In einem urigen studentischen Restaurant bestellten wir allerlei Gemüse, Nudeln, Fleisch, die wir nach und nach in die feurig-brutzelnde Brühe gaben. Nach kurzer Zeit waren die Zutaten gar und wir konnten mit dem Fischen beginnen. Es entwickelte sich ein weiterer Abend voller kulinarischer Leckerbissen. Mehrere Wochen Peking und wir könnten uns beim Sumo anmelden. Nach dem gemütlichen Abendessen sind wir noch zum Backpackerviertel bei den Drum&Bell Towern gefahren und in eine Bar gegangen, wo wir bis in die Nacht hinein gekickert haben. Bei den vollen Tagen kein Wunder, daß ich nicht zum bloggen kam.

Von Kaisern und Maden

Rückblick Peking

Tag 2 (von fünf Tagen in Peking; 12.-16.4.)

Wir waren noch gefühlsmäßig in der indischen Zeitzone und ohne Toms Anruf, der schon früh zur Arbeit gegangen war, hätten wir wohl den halben Tag verschlafen. Nach einem kleinen Frühstück sind wir mit der U-Bahn zum Himmelspalast gefahren. Das Pekinger U-Bahnnetz ist super ausgebaut, so daß man eigentlich alle Sehenswürdigkeiten bequem erreichen kann. Und eine Fahrt kostet egal wohin immer gleich wenig, immer 2 RMB – also etwa 20 Cent. Bei sonnigem Wetter sind wir durch die riesige, fengshui-yingyang gestylte Parkanlage des Himmelstempels gestreift, haben einer chinesischen Reisegruppe beim open-air Karaoke zugeschaut und ältere Leute wortwörtlich Kartenkloppen spielen sehen.

Beim südlichen Tor verließen wir die Tempelanlage und ließen uns in einem Taxi zum Platz des himmlischen Friedens kutschieren. Direkt gegenüber dieses ereignisreichen Platzes liegt der Eingang zum Kaiserpalast, den wir unter Maos Warze betraten. Im Hof vor dem Kartenverkauf schmatzten wir eine leckere Rindfleischnudelsuppe und waren gestärkt für die Odyssee durch die verbotene Stadt. Die Anlage zeichnet sich durch eine perfekte Harmonie aus und deswegen ist es auch nicht verwunderlich, wenn die einzelnen Gebäude „Palast der himmlischen Harmonie“, oder „Palast der vollendeten Harmonie“ oder auch „Palast der allerallerbesten Harmonie“  heißen. Die Dimensionen sind riesig und am liebsten hätte ich nach der kaiserlichen Trage gerufen. Eigentlich hatten wir vor durch den Nordausgang rauszugehen und für einen Blick auf den Kohlehügel zu steigen, aber wir waren mit Tom verabredet und eilten darum zurück zum Haupteingang. Bei der nahegelegenen Einkaufsstraße Wangfujing trafen wir auf Tom und flanierten zusammen über die Wilmersdorfer Pekings. Eine der Querstraßen war als Food Street bekannt, weil es dort exotische Knabbereien vom Grill zu kaufen gibt. In unserem jugendlichen Leichtsinn probierten Tom und ich eine Raupe am Spieß, die sich als kulinarischer Reinfall entpuppte. Grün im Gesicht war unsere Experimentierflamme erloschen, bevor sie richtig aufflackerte und wir damit wohl dschungelcampuntauglich.

raupe nimmersatt

Zum kulinarischen Glück führte uns Tom weiter zu einem seiner Lieblingsrestaurants mit Spezialität Pekingente, wie passend. Aus einem Bilderbuchmenü wählten wir leckere Vorspeisen und Beilagen zur Ente a la Peking aus. Das Fleisch kam tranchiert an den Tisch und wurde von uns fachgerecht mit etwas Soße und wenig Gemüse in kleine dünne Fladen (Flädchen) eingerollt und dann verschlungen. Wer nicht mit der Zunge schnalzen kann, der lernt es in diesem Restaurant! Für einen Absacker suchten wir noch eine Bar auf, die mit ihrer Wohnzimmeratmosphäre auch gut nach Prenzlauer Berg passen würde. Berlin, bald haben wir dich wieder! Je weiter wir Indien hinter uns lassen, desto größer wird die Vorfreude auf zu Hause.

Hallo Lenin!

Gestern sind wir frueh morgens in Moskau eingerollt. Die Zugbegleiterin war so fuersorglich uns schon anderthalb Stunden vorher bescheidzuklopfen und ab da an uns aller zwanzig Minuten zu erinnern, dass sie die Toiletten bald abschliessen wird. Muede vor dem Kazanskoe Bahnhof stehend sahen wir gleich eines der in den Fuenfziger Jahren erbauten Hochhaeser kommunistischer Baukunst, ein wenig wie Strausberger Platz, bloss um einiges groesser. Mit der ersten U-Bahn fuhren wir zum Hostel und goennten uns schnurstracks eine Dusche. Drei Tage im Zug unterwegs, ohne Dusche – wir konnten uns selber nicht mehr riechen, aber auch nur schwer von uns weg.

Im Anschluss liefen wir durch Moskau, auf unserer Rueckreise die dritte weltbedeutende Hauptstadt nach Delhi und Peking (bald sind wir in Nummer vier: die Weltstadt Berlin). Auf dem Gelaende eines renovierten gold- und gruenbezwiebelten Klosters verspeisten wir zum Fruehstueck unsere Broetchen, liefen weiter vorbei am Grossen Theater, welches gerade selber renoviert wird und standen ploetzlich am roten Platz. Die Schlange fuer Lenin war ueberschaubar und so warteten wir kurz und konnten kurz darauf den heldenbesaeumten Weg an der Kremlmauer entlanggehen, dessen Hoehepunkt das Mausoleum war. Drinnen in der Dunkelheit des Raumes in der Mitte plaziert liegt der gar nicht so alt und gar nicht so gross aussehende einbalsamierte Lenin und laesst sich nix anmerken. Soldaten achten darauf, dass man keine Fotos macht und nur fluestert und nach zwei Minuten ist man auch schon wieder raus aus dem Mausoleum. Schon eigenartig diese Zurschaustellung, vielleicht gar nicht schlecht, wenn der Gute seinen (letzten?) Willen bekommt und auf den Friedhof nach St. Petersburg verlegt wird, wo auch seine Mutter liegt.

Nach dem Totenbesuch liefen wir ueber den roten Platz, besuchten das palastartige Kaufhaus GUM (ein Pflichtpunkt, nachdem dieses Haus im Russischunterricht so ueber den Klee gelobt wurde) und standen plotzlich vor den bunten bekannten Zwiebeltuermen der Basilius Kathedrale. Danach ging es fuer uns noch durch den Kreml, den Sitz der Regierung, der teilweise fuer Besucher frei ist. Mit schweren Beinen schleppten wir uns zurueck zur Hostel, wo wir uns kurz ausruhten.

Das war noetig, denn Olga, eine Freundin von Tom, hatte ein kleines Abendprogramm fuer uns zusammengestellt, was aus einer Borschtsch mit Wodka nahe der Lenin Bibliothek, einem Spaziergang um die riesige Lomonossow-Universitaet und einem wahnsinnigen Blick ueber Moskau von einem Dingsbums-Gora (genauen Namen vergessen) bestand, und viel Laufen. Mit schmerzenden Beinen fielen wir kurz vor Mitternacht ins Bett, was fuer ein Tag, was fuer eine Stadt.

Pioniernachmittag

Im wilden Osten

Gleich schultern wir unsere Rücksäcke wieder auf (рюкзак) und fahren mit der Straßenbahn zum Bahnhof von Irkutsk. Dort warten wir auf den Zug, der uns in dreieinhalb Tagen nach Moskau bringen wird – ohne längere Pausen. Vielleicht bekommen wir in der Wartehalle noch eine Borschtsch-suppe, ansonsten haben wir auch genügend Verpflegung für die Fahrt eingekauft. Im Waggon gibt es kochend heißes Wasser für lau und damit konnten wir uns schon auf der zweieinhalbtägigen Fahrt von Peking nach Irkutsk Würstchen warm machen, Tee ziehen lassen und Nudelsuppen kredenzen.

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Die Zeit im Zug werden wir uns wieder Uno- und Skat-spielend vertreiben, die Fenster werden zu Schaufenstern und wir zu windowshoppern. Die erste Hälfte unserer Zugreise führte uns von Peking quer durch China über Harbin an die chinesisch-russische Grenze bei Man Zou Li. Wir hatten kein Visum für die Mongolei (es war schon kompliziert genug die russichen und chinesischen Visas in Mumbai zu bekommen) und dadurch mußten wir einen Schlenker um dieses Steppenland machen. Unterwegs in China sahen wir bei mehreren Städten größere Wohngebiete entstehen, zentrale Mainhattens die Skyline beherrschen und Bahnhöfe, die den Berliner Hauptbahnhof niedlich aussehen lassen würden, aus dem Boden schießen. Das Wachstum scheint auch im Hinterland anzukommen; ein Vorhaben der chinesischen Regierung, um die Harmonie im Land zu gewährleisten. Ab der Grenze änderte sich die Szenerie und auf russischer Seite hatten die Orte oft einen etwas verlasseneren, trostloseren Eindruck. Direkt hinter der Grenze hatten wir über drei Stunden Zeit, während die Züge gecheckt und auf eine andere Spurbreite gebracht wurden (unsere Vermutung), die wir damit verbrachten durch den kleinen Ort zu wandern und in den kleinen magasins Brot und Bier zu kaufen. Mein eingerostetes Russisch kam langsam wieder in Bewegung, auch wenn ich meiner russischen Brieffreundschaft seit über zwanzig Jahren nicht mehr geschrieben habe…

Am folgenden Morgen konnte ich nicht lange schlafen, weil ich im Halbschlaf dachte, das Teilstück zu verpassen, wo wir direkt an der Südwestküste des Baikalsees vorbeifahren. Als der See dann in Sichtweite kam, waren Tom und ich erstmal klein mit Hut. Vor Kerstin hatten wir geprahlt in den See zu hüpfen und nun stellten wir fest, daß wir dazu erst ein Loch in die Eisschicht schlagen müßten, von der Temperatur mal ganz abgesehen. Wenigstens die Landschaft war herrlich: auf der einen Seite der eisbedeckte See, auf der anderen eisbedeckte Berge.

Ab der Angara, dem einzigen Abfluß des Baikalsees, entfernte sich die Zugstrecke vom See und wir näherten uns Irkutsk. Aber dieses schöne Städtchen mit den teils verwitterten, teils sanierten Holzhäusern, den renovierten orthodoxen Kirchen, das sogenannte “Paris des Ostens”, in dem wir drei Tage verbrachten hat einen eigenen Artikel verdient…

Die ersten Bilder zu unserer Nordindienreise durch Himachal Pradesh sind hochgeladen und hier einsehbar (oder über den link in der unübersichtlichen rechten Spalte).

Ni hao Beijing!

Rückblick

Tag 1 (von fünf Tagen in Peking; 12.-16.4.)

Tom konnte es einrichten und uns am internationalen Flughafen Peking abholen. Nach einem herzlichen Hallo, das letzte mal hatten wir uns vor etwa einem halben Jahr in Nepal gesehen (und ein weiteres halbes Jahr davor bei uns in Indien), fuhren wir mit einem Taxi zu Toms Wohnung im Haidian Viertel, zwischen dem zweiten und dritten Ring gelegen – aller paar Jahre scheint hier ein Stadtring dazu zu kommen. Schon auf dem Weg durch die Stadt gingen uns die Augen auf: breite Straßen, neue Autos noch unbekannter chinesischer Marken (deren Logo und Design aber stark europäisch-amerikanisch “inspiriert” schienen), newyorkarchitektonische Gebäude mit Glas- und Stahlfassaden. Vor dem Besuch hatten wir uns gefragt, wie wohl Peking im Vergleich zu Delhi mit dem Bevölkerungsdruck umgeht, immerhin leben in beiden Großräumen über 20 Millionen Einwohner. Wie wird der Verkehr sein, wie wird der Zustand der Häuser sein, wie dreckig ist die Stadt, wie dicht bevölkert, wie stinkend die Kanäle und Flüsse usw. Nun war es für uns fast schockierend zu sehen, daß Peking anscheinend alle Probleme, bis vielleicht auf die schlechte Luft, in den Griff bekommen hatte. Klar mag es auf dem Land und selbst in vielen Ecken in Pekings weniger rosig aussehen, aber ich vergleich ja auch nicht wada pav mit jiauzi, sondern die Hauptstädte der beiden bevölkerungsreichsten Länder miteinander, die jeweils auf jahrelangen hohen Wachstum zurückblicken können und vor kurzem mit den Commonwealth und olympischen Spielen zwei bedeutende Veranstaltungen abhielten, für die sie sich ordentlich aufhübschten. Aber trotzdem kam es uns vor wie Tag und Nacht, wie Ordnung und Chaos, wie Plan und freie Hand, einfach wie gestern und morgen. Warum bekommt China das hin und Indien nicht? Wir konnten die vielen Inder verstehen, die abwinkten, als wir was vom asiatischen Jahrhundert mit den zwei Zugmaschinen Indien und China erzählten, und die meinten, Indien ist noch nicht so weit wie China.

zurück in die Zukunft

Und trotzdem war mir Indien sympathischer, viel  menschlicher durch die Makel und den alltäglichen Chaos, an den wir uns gewöhnt hatten. Peking dagegen hatte für uns was klinisches, roboterartiges. Alles scheint reibungslos zu funktionieren und wenn es sein muß, wird für sonniges Wetter auf Regenwolken geschossen. Die armen Wölkchen…

Geographen unter sich

Von Tom sind wir als erstes zum Tiananmen Sq, dem Platz des himmlischen Friedens gefahren, welcher nach chinesischer Lesart dort auch nie gestört wurde. Am Bildnis Maos, das über dem Eingang zur Verbotenen Stadt thront, gingen wir vorbei  und zum gegenüberliegenden riesigen Platz, der von der Halle des Volkes und dem Nationalmuseum eingerahmt wird. Dahinter strömerten wir durch ein erst abgerissenes und dann wieder künstlich errichtetes Hutongviertel. Ein paar Gassen weiter trafen wir auf ein Stück älteres Peking, ein Hutong mit backsteinernen Hofhäusern, deren Zugang mit einer Stufe versehen ist und mit Knick zum Innenbereich führt. Damit sind die Bewohner sicher vor bösen Geistern, die, wie jeder weiß, weder Stufen steigen, noch um die Ecke gehen können. An den draußen hängenden roten Laternen erkannten wir ein einfaches Restaurant, bei dem wir uns ein Bier genehmigten. Hier war Peking gleich sympathischer. Ein paar Ecken weiter leuchtete ein chinesisches Schriftzeichen, welches aussah wie eine senkrecht durchgestrichene 8. Hier bekamen wir Fleischspieße vom Kohlegrill und langsam wurde uns klar, daß man es in Peking bestimmt auch recht gut eine Weile aushalten kann. Im Hohei-Viertel ließen wir den Abend in einer der hundert Bars am Ufer der kleinen Seen ausklingen und fuhren voller neuer Eindrücke gesättigt zur Herberge „Bei Tom“. Mal sehen, was die nächsten Tage so bringen.

2 couchpotatoes

Von Delhi nach Peking

Unser letzter Tag in Delhi war auch gleichzeitig unser letzter in Indien. Nach so langer Zeit (knapp zwanzig Monate), die uns nicht so lange vorkam, war es schon ein eigenartiges Gefühl, diesem Land den Rücken zuzukehren. Irgendwie war es keine leichte Trennung und wir trösteten uns mit dem Traum einer späteren Rückkehr, wie wahrscheinlich dieser Traum auch immer sei.

Wir mußten erst abends am Flughafen sein und konnten dadurch einen halben Tag in Delhi auf Besichtigungstour gehen. Am Bahnhof Neu Delhi ließen wir unsere fetten Rucksäcke in der Gepäckaufbewahrung, wo Kerstin den Angestellten einen kleinen Einführungskurs in das anscheinend erst kürzlich umgestellte digitale Taschenarchivierungssystem gab.

Lastenfrei fuhren wir mit der U-Bahn Richtung NOIDA, einem ehemaligen Vorort, der schon längst vom schwarzen Loch Delhi eingesogen wurde. Im Sektor 18 stiegen wir aus, liefen durch die wenig beeindruckenden, indisch-wuseligen Geschäftsstraßen. In einer riesigen Mall wurde ich doch noch fündig und holte mir das Trikot der Pune Warriors, dem neu gegründeten Cricketclub um Yuvraj Singh. Auf dem Rückweg zur New Delhi Station stiegen wir beim Akshardan Tempel aus, neben dem das Gelände der letztjährigen Commonwealth Games aus dem Boden gestampft wurde. Der beeindruckende Tempel hatte montags leider geschlossen, aber für ein paar Schnappschüsse hat der Besuch gereicht. Später, als wir unsere Rucksäcke wieder zurück hatten, fuhren wir mit der frisch eröffneten Flughafenlinie staufrei zum ebenfalls neuen Terminal 3. Im Flugzeug der China Southern hörte ich mir den traurig-schönen Dabangg Titelsong an – das war’s dann, good bye INDIA! Und danke.

Zeitsprung nach Manali

Die letzten Tage in Peking und während des ersten Teils unserer Rückreise (Peking-Irkutsk) kam ich gar nicht zum bloggen. Dabei fehlen sogar teilweise noch unsere Reiseberichte zum indischen Norden. Da wäre zum Beispiel Manali, der Inbegriff eines Backpackerparadieses und Ausgangspunkt für zahlreiche Wanderrouten durch die Bergwelt Himachal Pradeshs (z.B. nach Ladakh und Leh):

Früh um sechs standen wir schmaläugig am Busbahnhof von McLeod Ganj und stiegen in den bereitstehenden semi-luxury Bus mit semi-comfort, d.h. eigentlich bestand der einzige Luxus darin, in einem Direktbus zu sitzen, der nicht an jeder Straßenecke anhielt und somit schneller als erwartet in das Kullutal einfuhr. Bunte Werbeschilder priesen Wildwasserraftingtouren und gestrickte Schals an. Das Qualitätsbarometer reicht hierbei von eher grober Yakwolle über Angora-Kaninchenhaare bis zu streichzarter Paschmina-Ziegenwolle.

Je näher wir Manali kamen, desto dicker eingelullt waren die Menschen auf den Straßen. Der Himmel bedeckte sich und mit der Einfahrt in den Ort fing es an zu nieseln. Die dreistesten Rikshafahrer am Bahnhof zurücklassend, nahmen wir eine Ecke weiter eine Riksha in den am Berghang klebenden Ortsteil Vashisht. Vorm zentralen Tempel mit den holzgeschnitzten Türen neben dem öffentlichen heißen Badethermen ließen wir uns absetzen und sträunten wir durch die Dorfgassen. Mit etwas Glück fanden eine leer stehende Herberge mit herrlichem Ausblick über das Tal und auf das gegenüberliegende Old Manali. Da es immer noch nieselte, fiel die Dorfbesichtigung sehr kurz aus und nach einem Abendsüppchen krochen wir unter die dicken Daunendecken und hofften auf morgige Wetterbesserung.

gute Mine zum schlechten Wetter

Der Wettergott war nicht auf unserer Seite. Den ganzen nächsten Tag regnte es ohne Unterlaß. Früh morgens gab es sogar Schneeregen und die Schneegrenze schien uns besuchen zu wollen. Ursprünglich wollten wir drei Tage in Manali bleiben und viel unternehmen. Wir wollten ein Motorrad für einen Tagesausflug ausleihen, etwas wandern und die Straße vom fast 4000m hohen Rohtang Pass mit dem Fahrrad runterrollern. Nur leider war es zu kalt und zu naß dafür. Wir waren einfach zwei, drei Wochen zu früh in Manali. Ab Mitte April läßt der Frühling die Obstbäume blühen und die Sonne lacht – davon bekamen wir leider nichts mit. Darum flohen wir vor der Eiseskälte nach Shimla und beschlossen in einem fernen Urlaub zurückzukommen und dann alles versäumte nachzuholen, denn an der Schönheit der Landschaft hatten wir keinen Zweifel. Zum Abschied zeigte sich nochmals die Sonne, als wollte sie uns nicht gehen lassen.

Manalimorgensonne

Inzwischen sind wir nach zweieinhalb Tagen Zugfahrt in Irkutsk angekommen und haben eine heimelige Unterkunft gefunden. Die nächsten drei Tage werden wir hier bleiben und dann weiter nach Moskau fahren. Aber dazu gibt es bestimmt auch einen Reisebericht.

Auf Wiedersehen Indien!

Nun ist unser letzter Tag in Indien angebrochen. Anderthalb Jahre gehen zu Ende. Heut abend fliegen wir von Delhi zu Tom nach Peking, um von dort unsere Heimreise anzutreten. Indien hat uns bis zu letzt fasziniert und überrascht. So zum Beispiel gestern.

Wir wurden früh um fünf – schlaftrunken – irgendwo in New Delhi, von Shimla kommend, aus dem Bus gespuckt. Unseren ursprünglichen Plan nach Fatehpur Sikri zu weiter fahren, hatten wir schnell verworfen, weil wir keine lust auf weitere Stunden im Bus verspürten. Stattdessen sind wir zum Rabsel Guesthouse ins tibetische Viertel Manju Ka Tilla gefahren und haben dort wie bei jedem Delhi Besuch eingecheckt. Das Viertel erschien uns diesesmal vertrauter als sonst, waren uns doch die ganzen Dalailamaplakate noch gut aus Mc Leod Ganj, dem Ort der tibetischen xilregierung, in Erinnerung geblieben. Als wir beim Frühstück die Zeitung durchblätterten, fiel mein Auge auf einen Artikel zur IPL, der ersten indischen Cricket Liga. Diese hatte gerade frisch begonnen, u.a. mit dem neuen Team Pune Warriors. Der Spieltag am Sonntag sah ein Spiel in Delhi vor: Delhi Daredevils gegen die Mumbai Indians. Oder mit anderen Worten Virender Sehwag gegen Sachin Tendulkar. Eine Woche hatten beide noch zusammen für Indien den World Cup gewonnen. Nun ein Spiel mit dn beiden im Feroz Shah Kotla Stadion in Delhi – das war unsere letzte Chance doch noch ein Spiel live zu sehen.

Zuerst hab ich erfolglos versucht bei einem der Ticketshops an Karten ranzukommen. Dann beschlossen wir direkt zum zentral gelegenen Stadion zu fahren und dort unser Glück zu versuchen. Auf der Erfolgswelle des Worldcups reitend, zum ersten mal hatte eine Heimmannschaft den Titel geholt, konnten die Clubs der IPL ordentliche Ticketverkäufe verbuchen und wir waren nicht sicher ob es überhaupt noch freie Plätze gab. Die Riksha ließ uns direkt vor dem Stadion raus und zum Glück ist Indien manchmal leicht ausrechenbar: zwei Hobbybroker kamen auf uns zu und boten uns Karten an. Zwar zu einem seichten Aufschlag, aber das war es allemal wert. Die Karten waren für indische Verhältnisse recht teuer: die günstigsten gab es für 500 Rs (Wochenendzuschlag) – das entspricht in Pune dem Lohn einer Reinigungskraft oder eines Watchmans für zweieinhalb Tage Arbeit.

Wir hatten noch etwa vier Stunden Zeit bis zum Spiel, in denen wir mit der Metro zum Qutab Minar gefahren sind. Dort gibt es den größten steinernen Turm und die Überreste einer Moschee aus der Zeit der ersten Sultane von Delhi zu sehen. Alles in einem gemütlichen Park, der am Sonntag gut besucht war. Kerstin hört eine indische Mutter, die ihre zwei grundschulalten Kinder auf eine erklärende Tafel mit geschichtlichen Daten aufmerksam machte, von ihrem Mann zurechtgewiesen werden, indem dieser sinngemäß sagte: ‘Warum sollen sie das wissen? Wozu ist das wichtig? Die Zukuft ist wichtig!’ Indien hat manchmal chinesische Züge…

im Feroz Shah Kotla Stadion

Zurück beim Stadion hatten wir riesige Probleme unseren großen Fotoapparat durch die Kontrollen zu bekommen. Ein besonders eifriger Beamter wollte mir sogar mein Buch wegnehmen, man könne es werfen. Eigentlich waren auch Münzen verboten. aber so genau nahmen sie es dann doch nicht. Da es keine Schließschränke gab, wußten wir nicht weiter. Raus konnten wir nicht mehr, weil unsere Karten schon eingescannt waren. Mit viel Verzweiflung und Ratlosigkeit im Gesicht kam uns ein Beamter am Scanner zur Hilfe, bei dem wir unsere Sachen während des Spiels lassen konnten. Erleichtert sind wir ins recht große Stadion auf die obersten Ränge. Bis zum Spilbeginn war das Stadion voll und die Stimmung freudig gespannt. Da die indische Cricketliga in ihren zwei Monaten Spieldauer eine Menge Geld umsetzt, zieht sie die Topstars aus allen Ländern an. Das heißt die australischen, englischen usw. Betsman und Bowler kommen nach Indien und spielen für die Chennai Super Kings, die Royal Challengers aus Bangalore oder eben die Delhi Dare Devils. Da wir viele Spiele des letzten World Cups gesehen hatten, erkannten wir einige Spieler in den Reihen der beiden Mannschaften wieder: Habarjan Singh-der Sikh aus der indischen Nationalmannschaft, Malunga-der Bowler, dessen Bälle bis über 140km/h schnell sind, aber vor allem natürlich Sehwag und Tendulkar.

verrückte Fans

Die Daredevils aus Delhi verloren letztendlich, aber das tat der Stimmung keinen Abbruch. Live ist das Spiel ganz ansehnlich – mal recherchieren, wie die Cricketszene in Berlin so aussieht.

 

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